Primer – Der komplizierteste Science Fiction-Film aller Zeiten?

Zusammenfassung

symbol_moviesprimer_miniDer Film Primer ist einer der kompliziertesten Science Fiction-Filme, die es gibt, daran besteht kein Zweifel. Inhaltlich geht es um die zufällige Entdeckung von Zeitreisen und vorsichtigem Ausprobieren und Benutzen der Technologie, die allerdings den beiden Protagonisten innerhalb weniger Tage (Normalzeit) über den Kopf wächst.

Im Unterschied zu Filmen David Lynchs (Mulholland Drive, Lost Highway) oder Stanley Kubricks (in diesem Fall 2001: Odyssey in Space) ist dieser Film nicht darauf ausgelegt, kognitive Dissonanzen (sogenannter Mindfuck) zu erzeugen, sondern daß man diesen mit „ein wenig” Recherche und Überlegung verstehen kann.

 

Inhalt

Vier Ingenieure arbeiten tagsüber für große Konzerne und nachts in einer Garage in Eigenregie, um  Projekte zu verwirklichen, für die man Investoren gewinnen kann. Nach einer Diskussion über das weitere Vorgehen entschließen sich zwei der Ingenieure, unabhängig ein eigenes Projekt zu starten.

Ihre Idee, einen Weg zu finden, mit dem man das Gewicht von Objekten reduzieren kann, können sie wunschgemäß verwirklichen, stolpern dabei aber über einen unerwarteten Nebeneffekt: der Chronometer, den sie in dem Gerät probeweise mitverwenden, hat laut eigener Anzeige in dem Behälter sehr viel mehr Zeit verbracht, als er sich darin befand. (Beispiel: während das Gerät 1 Minute im Betrieb war, ist für die Uhr 1.300 Minuten vergangen.) Die beiden Ingenieure begreifen, daß sie eine Art Zeitmaschine entdeckt und entwickelt haben.

Recht schnell verstehen die beiden Ingenieure das Potential der Maschine, kommen aber schnell an die Grenze ihres gegenseitigen Vertrauens, und die Qualität ihrer Freundschaft wird auf Zerreißprobe gestellt, als sie sich der Frage stellen müssen:

Wenn man immer das begehrt, was man nicht haben kann, was gibt es noch zu begehren, wenn es keine Schranken mehr gibt, alles zu haben?

 

Stärken

Der Film ist anspruchsvoll und knifflig. Das ist erfahrungsgemäß heutzutage eine Seltenheit geworden, finde ich. Man wird ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim ersten Durchlauf nicht verstehen und sehr viele Hinweise werden erst durch mehrmaliges Ansehen deutlich.

Trotz (oder gerade wegen?) der fast schon lächerlich niedrigen Kosten ist der Film tiefsinnig, durchdacht und konsequent. Während andere Filmstreifen grob geschätzt nur drei bis vier Hirnzellen benötigen, um verstanden zu werden, verzeiht Primer keine Unaufmerksamkeit.

Wo Lost Highway (Lynch) und 2001 (Kubrick) kompliziert sind, ist Primer komplex. Das heißt, daß man die beiden erstgenannten Filme unterschiedlichst interpretieren kann, ohne auf einen eindeutigen Nenner zu kommen; Primer bietet nur wenig Interpretationsspielraum, fordert aber einiges an Denkbereitschaft und Hirnschmalz. Das Schöne ist, daß die Arbeit belohnt wird und es tatsächlich eine eindeutige Lösung gibt.

 

Schwächen

Die erste Schwäche ist, daß der Film nicht synchronisiert wurde. Das ist für mich kein übermäßig großes Problem, da ich Filme ohnehin bevorzugt in der Originalsprache konsumiere und bei Verständnisschwierigkeiten auf Untertitel zurückgreife. Synchronisierungen leiden fast immer unter der Übersetzung, selbst bei einwandfreier Übersetzung der verwendeten Ausdrücke und Redewendungen, weil die Nuancen der Stimmen verlorengehen. (Erfreuliche und beeindruckende Ausnahme: Prinzessin Mononoke auf Englisch (auf Deutsch meiner Meinung nach unerträglich).)

Aber damit kommen wir auch schon zur zweiten Schwäche, die mir viel übler aufstößt: der Film hat keine Untertitel, die ich zur Not einschalten kann. Obwohl ich englischsprachige Filme nach Möglichkeit mit Originalton anschaue und für gewöhnlich auch keine Verständnisprobleme habe, komme ich mit diesem Film an meine Grenzen, da sehr spezifische und technische Themen angesprochen werden und die Darsteller auch nicht immer die deutlichste Aussprache haben. Da hiflt es auch nicht, daß sich viele Szenen scheinbar zusammenhanglos aneinanderreihen, zwischen den Zeitlinien gesprungen und die Chronologie nicht immer eingehalten wird. 😢

Ob es eine Schwäche ist, daß der Film ausgesprochen schwierig zu verstehen ist, selbst beim zweiten Ansehen, mag jeder für sich selbst entscheiden. So, wie es Menschen gibt, die Rätsel und geistige Herausforderungen nicht scheuen (oder gar genießen), gibt es auch Menschen, die eine niedrige Frustrationsschwelle haben, schnell aufgeben und Informationen und Ideen nur in mundgerechten Stücken und kleinen Portionen vertragen. Zu welcher Gruppe Sie gehören, bleibt Ihnen überlassen.

Der hohe Anspruch ist insofern eine Schwäche, daß sich diese Art von Film mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit leider nicht durchsetzen wird. Er ist zu anspruchsvoll, erfordert zuviel Denkarbeit und Aufmerksamkeit. Und wenn ich Primer mit aktuellen Filmen aus Hollywood vergleiche, bin ich mir sicher, daß Primer eine seltene und wertvolle Randerscheinung für Liebhaber ist. 😭

 

Verständnishilfen

Eine meiner Meinung nach recht brauchbare Verständnishilfe kann man über diesen Verweis finden. Dort werden einige Grundlagen erklärt, wie Zeitreisen funktionieren, was es zu beachten gilt und auf welche Hinweise man im Film achten sollte.

Eine detaillierte Auflistung von den mindestens 9 (neun!) Zeitlinien kann man über diesen Verweis aufrufen. Das sind lediglich die 9 Zeitlinien, die man innerhalb des Filmes gezeigt oder eindeutig angedeutet bekommt; daß es wesentlich mehr gibt, kann man allerdings aus verschiedenen Indizien extrapolieren.

 

Fazit

Angesichts des niedrigen Budgets und der hohen Qualität des Endproduktes ist der Filmstreifen atemberaubend. Tiefsinnig, durchdacht, intelligent und herausfordernd – diese Sorte Filme gibt es meiner Meinung nach viel zu selten.

Der Film ist meiner Meinung nach sehr sehenswert. 😍

 

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Primer

Englisch, keine Untertitel, 77 Minuten Laufzeit

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